Salz in der Suppe

Die BG RCI lud ein und die Mitgliedsbetriebe kamen zahlreich zum Forum protecT 2014/15. Die Veranstaltung der Berufsgenossenschaften Rohstoffe und chemische Industrie verlief jedoch anders, als von vielen Teilnehmern erwartet. Bei der Abreise aus Bad Wildungen hatten sie weniger vorgefertigte Antworten als vielmehr Denkanstöße im Gepäck. Und eine Vision.

„Das Forum ProtecT diente schon immer dem Austausch mit Ihnen“, gab Ulrich Meesmann den 250 Teilnehmern am 10. Dezember 2014 mit auf den Weg. Als Mitglied der Geschäftsführung fasste er die oft lebhaften Diskussionen der anderthalbtägigen Veranstaltung zusammen. Ist die neue Präventionsstrategie „Vision Zero“ zu abgehoben für die Betriebe? Und wie soll das Ziel „Null Unfälle – gesund arbeiten“ überhaupt erreicht werden? Viele der Praktiker trieben diese Fragen um. Aber sie wurden nicht nur in den Pausen und untereinander ausgesprochen, sondern waren konstruktiver Bestandteil der Veranstaltung.

Helmut Ehnes
Helmut Ehnes machte deutlich, dass wir auf dem Weg zur „Null“ von Best-Practice-Beispielen lernen. „Über diese und die Veranstaltung in Magdeburg fließt die Meinung der guten Betriebe ein, denn deren Erfahrung ist hier versammelt.“ Erst wenn diese Ergebnisse gesammelt und verdichtet werden, wird die Umsetzung der Strategie greifbar werden.

„Vision Zero. Null Unfälle – gesund arbeiten“ lautet die neue Präventionsstrategie

Angefangen hatte es am Vortag mit der Vorstellung der neuen Präventionsstrategie „Vision Zero. Null Unfälle – gesund arbeiten“, die zugleich Namensgeber dieser und der nächsten protecT-Veranstaltung am 3. und 4. Februar 2015 in Magdeburg ist. Nach der Begrüßung durch den BG RCI-Präventionsleiter Helmut Ehnes wartete sein Stellvertreter Harald Kiene mit aktuellen Fakten auf. Die Unfallquote ist rückläufig und die BG RCI belegt unter den Berufsgenossenschaften einen guten dritten Platz – obgleich sie einige Branchen mit hohem Gefährdungspotenzial versichert.

Aber damit zufrieden geben? Dagegen steht das Credo der Prävention: Jeder Unfall ist einer zu viel. Nachdem Erfolge im Arbeitsschutz vor allem durch technische und organisatorische Maßnahmen erzielt wurden, ist Verhaltensprävention der Hebel, an dem die BG RCI strategisch ansetzt. Das machte Kiene klar. Und zeigte, wo das Erfolgspotenzial liegt: In nachhaltigem Arbeitsschutz, der durch Instrumente wie zertifizierte Arbeitsschutz-Management-Systeme oder den Orga-Check in den Betrieben Einzug hält. Dabei zielen die Präventionsexperten der BG RCI vor allem auf die kleinen Betriebe. Aus gutem Grund: Neun von zehn ihrer Mitglieder zählen zu dieser Kategorie. „Wie gut die Beschäftigen dort auf sich und ihre Kollegen achten, hängt vor allem von einem Faktor ab: Ob das dem Unternehmer wichtig ist“, betonte Kiene in der anschließenden Diskussion. Moderiert wurde die Veranstaltung von Alexander Niemetz.

Kompetente Beratung über kurze Wege in die Betriebe

Die Ausführungen Kienes zeigten einmal mehr, wie wichtig der direkte Draht zwischen Präventionsexperten und Unternehmen ist. Passend dazu stellt Wolfgang Pichl, Leiter der Branchenprävention Baustoffe - Steine - Erden, die neue Struktur der Betriebsbetreuung vor. Ausgehend von dem Zusammenschluss mehrerer Branchenberufsgenossenschaften sei die Fusion nun abzuschließen: Nicht mehr sechs Branchen, sondern drei am Gefährdungspotenzial orientierte Sparten prägen die Struktur. Damit könnten positive Fusionseffekte wie Kosteneinsparungen zum Tragen kommen. Bezirksdirektionen mit hoher Servicequalität und fachlicher Kompetenz sind nun die Ansprechpartner der Mitgliedsbetriebe.

Teilnehmer am Tisch
Die Zuhörer zeigten sich gespalten. Während einigen die Visionsziele zu abstrakt erschienen, um sie in ihren Betrieben zu vermitteln, reklamierten andere, die Zielsetzung der Präventionsstrategie, tödliche Unfälle bis zum Jahr 2024 zu halbieren, als zu kurz gesprungen. Ehnes verwies auf die Kräfte, die eine Vision entfalten könne: „Im Gegensatz zu dem Begriff Arbeitsschutz hat die Vorstellung von Null Unfällen eine positive Strahlkraft. Das kommt auch bei den Menschen in den Betrieben an.“

Vision von Null Unfällen bereits als gelebte Realität

In seiner Rolle als Präventionsleiter führte Helmut Ehnes aus, warum die BG RCI das Ziel „Null Unfälle – gesund arbeiten“ ins Visier genommen hat. Er nannte drei Prämissen für die branchenübergreifende Präventionsarbeit: Erstens den gesetzlichen Präventionsauftrag, zweitens den erwiesenen Nutzen der Prävention für alle Beteiligten und drittens die bereits erzielten Erfolge der Prävention. „Wir werden bewährte Instrumente beibehalten, aber sicher auch einiges über Bord werfen“, sagte er mit Verweis auf den demografischen Wandel, die Informations- und Arbeitsverdichtung sowie durch moderne Technologien aufkommende neue Gefährdungen.

Was die Vision Zero so faszinierend macht, ist ihre Ambitioniertheit. Den Anspruch, dass in seinem Betrieb niemand getötet oder so schwer verletzt werden sollte, dass er sein Leben lang gehandikapt wäre, schrieb sich zuerst Eleuthère Irénée DuPont auf die Fahnen. Der Industrielle setzte nach einem großen Unfall in einer seiner Schwarzpulverfabriken 1818 einen überaus konsequenten Arbeitsschutz durch. Das war die Geburtsstunde der Vision Zero. Und seither wurde sie bereits vielfach verwirklicht. „Immer wieder gibt es Betriebe, die ganz oder in bestimmten Produktionseinheiten lange Zeit keine Unfallereignisse verzeichnen müssen“, macht Ehnes deutlich. „Wo unfallfrei gearbeitet wird, können wir lernen.“

Die BG RCI hat ihre Präventionsstrategie auf sieben Ziele fokussiert, die mit Meilensteinen und Kennzahlen messbar sind. Mit zehn Maßnahmen sollen tödliche und schwere Unfälle sowie Berufskrankheiten nach und nach reduziert werden. In der anschließenden Diskussion mit den Mitgliedern der Selbstverwaltung, Hans Otto Gardeik und Stefan Soltmann, zeigten sich die Zuhörer gespalten. Während einigen die Visionsziele zu abstrakt erschienen, um sie in ihren Betrieben zu vermitteln, reklamierten andere, die Zielsetzung der Präventionsstrategie, tödliche Unfälle bis zum Jahr 2024 zu halbieren, als zu kurz gesprungen. Ehnes verwies auf die Kräfte, die eine Vision entfalten könne: „Im Gegensatz zu dem Begriff Arbeitsschutz hat die Vorstellung von Null Unfällen eine positive Strahlkraft. Das kommt auch bei den Menschen in den Betrieben an.“

Teilnehmer mit Workshopunterlagen
In den Workshops brachten die Teilnehmer des Forums protecT ihre eigenen Vorstellungen ein. Dort hatten Sie die Möglichkeit, die Erfolgsfaktoren zur „Vision Zero“ um Erfahrungen aus den eigenen Betrieben zu ergänzen

Mit starken Emotionen für Arbeitsschutz

Emotionale Aspekte betonte auch Gregor Doepke, der die Vision Zero aus Sicht der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung beleuchtete. Kritiker frage er, wie viele Unfälle sie denn tolerieren würden. Anhand aktueller Zitate von Josef Blatter zu unfallträchtigen Bauten von Fußballstadien oder Recep Tayyip Erdoğan zu dem folgenschweren Bergwerksunglück führte er vor, dass Tote oft als notwendiges Übel angesehen und in Kauf genommen würden. Dem könne eine starke Vision entgegenwirken, welche das Recht aller auf Gesundheit thematisiere und mit konkreten Beispielen verknüpfe. Er halte eine Zukunft ohne Wege- und Arbeitsunfälle für erstrebenswert. In Abwandlung des Zitats von Helmut Kohl schloss Doepke: „Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Eine schweizerische Perspektive zu Vision Zero brachte Erwin von Moos ein. Die Unfallversicherung SUVA hatte sich 2010 die Reduzierung der tödlichen Unfälle auf den Plan gesetzt: Innerhalb von zehn Jahren will sie die Anzahl der bei der Arbeit Getöteten auf 35 pro Jahr reduzieren. „250 Leben“ heißt die Kampagne, denn so viele Menschen würden vor dem Unfalltot bewahrt. Lebenswichtige Regeln für die Sicherheit bei der Arbeit unterfüttern die Kampagne. Von Moos sagt: „Wir haben nichts Neues erfunden, sondern branchenübergreifend mit Experten die wichtigsten Regeln identifiziert, einfach aufbereitet und breit verfügbar gemacht.“ Obgleich die Kampagne in den Betrieben gut ankomme und viele sich zu einer gemeinsamen Sicherheitscharta bekannt haben, seien die gesteckten Ziele jedoch noch nicht erreicht.

Menschliche Fehler nicht mit dem Tod bestrafen

Jochen Lau vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat zeigte, wie die Vision Zero auf die deutschen Straßen kommt. Vorbilder für Verkehrssicherheitskonzepte mit der Vision der Null Unfälle stammen aus Skandinavien. Dabei bestimmt die menschliche Belastbarkeit die Grenzen. Lau erklärt: „Der Mensch hat ein Recht auf sichere Verkehrswege. Da er immer Fehler machen wird, muss es eine fehler-verzeihende Straße geben.“ Dies gelte gerade für die am meisten gefährdete Gruppe im Straßenverkehr: die Jugendlichen. Lau lud die Unternehmer ein, die Vision Zero zu ihrer Sache zu machen und Einfluss auf die Verkehrssicherheit ihrer Beschäftigten zu nehmen.

Ihre eigenen Vorstellungen brachten die Teilnehmer des Forums protecT bei den anschließenden Workshops ein. Experten der BG RCI luden ein, in kleinen Gruppen die Erfolgsfaktoren zur „Vision Zero“ um Erfahrungen aus den eigenen Betrieben zu ergänzen. Angeregte Diskussionen und viele Beispiele guter Praxis waren das Ergebnis dieser intensiven Arbeit, die ihren Abschluss in einem gemeinsamen Abendessen im Maritim Hotel Bad Wildungen fand.

Teilnehmer der Abschlussdiskussion diskutieren
In der intensiven Abschlussdiskussion wurden die Ideen, die Ideen, die die Teilnehmer in die Workshops einbrachten, als Teil der neuen Präventionsstrategie gewürdigt. „Das ist das Salz in der Suppe“, betonte Helmut Ehnes.

Risiken in den Griff bekommen

Neue Perspektiven für den Umgang mit Risiken brachte am folgenden Morgen Prof. Dr. Dr. Dr. Clemens Sedmak ein. Der Professor für Sozialethik lehrt in London. Er hatte für die Zuhörer des Forums identifiziert, welche Gefährdungen das Arbeitsleben ausmachen. Als wichtigen Ansatzpunkt für das Vermeiden von Unfällen nannte der Österreicher die Analyse von Beinahe-Unfällen: „Das sind Fenster, die einen Blick auf die Struktur eröffnen.“ Der letzte Vortrag war ein Griff in die Werkzeugkiste der sicherheitspsychologischen Praxis. Der Fachberater Klaus Schubert lieferte einen Fundus an bewährten Instrumenten für den betrieblichen Arbeitsschutz, darunter viele Angebote der BG RCI wie Kurzaudits oder KMU-Workshops, die den Betrieben eine fachkundige Sicherheitsbetrachtung vor Ort ermöglichen.

Die Ergebnisse aus den Workshops lieferten schließlich die Vorlage für eine intensive Abschlussdiskussion. Alle Beiträge würdigten den vielseitigen Austausch und die Möglichkeit, eigene Vorstellungen einzubringen – und damit die neue Präventionsstrategie zu gestalten. „Das ist das Salz in der Suppe“, betonte Helmut Ehnes. „Über diese und die Veranstaltung in Magdeburg fließt die Meinung der guten Betriebe ein, denn deren Erfahrung ist hier versammelt.“ Erst wenn diese Ergebnisse gesammelt und verdichtet werden, wird die Umsetzung der Strategie greifbar werden. Nicht alle Teilnehmer waren mit dem Aufschub zufrieden. Aber die weitaus meisten nahmen den Aufruf von Meesmann an: „Machen Sie die Vision von den Null Unfällen zu Ihrer Sache. Es lohnt sich.“

Miriam Becker, Universum Verlag

Prof. Sedmak auf der Bühne
Positive Resonanz erhielt der mitreißende Vortrag von Prof. Sedmak, der neue Betrachtungsweisen auf die Gefährdungen am Arbeitsplatz eröffnete.
Ulrich Meesmann
Ulrich Meesmann fasste er die lebhafte anderthalbtägige Veranstaltung zusammen. Kritische Fragen wurden nicht nur in den Pausen und untereinander ausgesprochen, sondern waren konstruktiver Bestandteil der Veranstaltung.